Zusammen ist man weniger allein
 


Aktuelles aus dem Diakonischen Werk

Zusammen ist man weniger allein

Den Treffpunkt für Alleinerziehende gibt es im südlichen Nürnberger Land schon seit mehr als 20 Jahren. Mit einem neuen Konzept will die Treffpunktleiterin frischen Wind in die Segel bringen.

Kinderbetreuung, Zeitmangel, Geldsorgen: Alleinerziehende Eltern haben in ihrem Alltag viele Herausforderungen zu meistern. Um sie dabei zu unterstützen, hat Liane Krause vor 22 Jahren einen Treffpunkt für Alleinerziehende ins Leben gerufen. Daraus entstand eine Gruppe, die sich im regelmäßigen Abstand von ein paar Wochen sonntags zu Kaffee und Kuchen trifft. Um diese Routine zu durchbrechen und das Angebot für Alleinerziehende mit ganz unterschiedlichen Problemen attraktiver zu machen, plant die Treffpunktleiterin jetzt ein neues Konzept. Die sich verändernden Lebensbedingungen alleinerziehender Eltern thematisieren und ihre eigenen Erfahrungen teilen – das will Liane Krause. Denn sie hat selbst ihre Tochter ohne festen Partner großgezogen und weiß, was es heißt, sich mit Ämtern herumzuschlagen oder vom Kindergarten in die Arbeit und wieder zurück zu hetzen. Auch sie selbst wächst ohne leiblichen Vater auf und kann mitverfolgen, wie sich Rechte, Probleme, aber auch Möglichkeiten für Alleinerziehende mit der Zeit verändern. Als sie sechs Jahre alt ist, heiratet ihre Mutter, und Krause bekommt einen Stiefvater, zu dem sie ein gutes Verhältnis aufbaut. Probleme, wie einen anderen Namen als ihre Mutter zu haben, nimmt die heute 51-Jährige mit Humor: „So hatte ich schon immer meinen eigenen Briefkasten“, lacht sie. Mit 24 wird Krause unerwartet schwanger und bringt mit 25 ihre einzige Tochter zur Welt. Fünf Generationen ohne Vater Larissa Krause ist die fünfte Generation in der Familie, die ohne Vater aufwächst. „Man hat es so vorgelebt bekommen und kennt es irgendwie nicht anders. Das verändert den Blickwinkel auf die Dinge. Wir sind eben eine echte Frauen-Power-Familie“, erzählt ihre Mutter. Nach der Geburt ihrer Tochter bleibt die frisch gebackene Mama für ein halbes Jahr zu Hause – dann muss sie aber wieder Vollzeit arbeiten gehen, um die Familie zu versorgen. Sie hat Glück, ihre Mutter lebt im gleichen Haus und kann sich währenddessen um das Baby kümmern. Fünf Monate in etwa geht das gut, aber dann kann die EDV-Fachberaterin nicht mehr. Sie hat keine Zeit, sich zu erholen, denn tagsüber ist sie arbeiten, und nachts wird sie von einem schreienden Kind wachgehalten. Krause geht es wie vielen alleinerziehenden Müttern, sie gerät in einen Zwiespalt. Sie kann weder viel für ihr Kind da sein, noch bei der Arbeit volle Leistung abliefern. Daraus entwickelt sich ein schlechtes Gewissen gegenüber Kind und Chef, an dem sie zerbricht. Krause einigt sich mit ihrem Arbeitgeber, dass diese Situation wenig Sinn macht und kündigt. Nach einer Auszeit nimmt sie eine Halbtagsstelle bei einem ihrer alten Kunden an. Erst als ihre Tochter älter ist, geht sie in die Vollzeitarbeit zurück. Liane Krause weiß also, was es heißt, ohne einen Beziehungspartner, aber mit Kind durchs Leben zu gehen, kennt die Freuden und Probleme, die damit einhergehen, und möchte mit dieser Erfahrung anderen Alleinstehenden zur Seite stehen. Infotreff statt Selbsthilfegruppe Wer Kinder ohne Partner großzieht, fühlt sich oft gestresst, zwischen Beruf und Familie hin- und hergerissen und bei wichtigen Entscheidungen alleingelassen. Um sich über derartige Schwierigkeiten auszutauschen, festzustellen, dass andere in der gleichen Situation sind und Unterstützung zu erfahren, konnte man bisher den Treffpunkt für Alleinerziehende in Feucht aufsuchen. Ein ungezwungenes Zusammenkommen, bei dem Netzwerken und Krafttanken im Vordergrund steht. Das sei, laut der Treffpunktleiterin, nach all den Jahren jedoch etwas eintönig geworden und nicht mehr für alle Altersgruppen ansprechend. Deshalb plant sie ein Versuchsprojekt: „Infotreff statt klassischer Selbsthilfe“, lautet die Devise. In Zukunft werden bei den Treffen Fachleute referieren. Dabei widmen sie sich bei jeder Versammlung einem Thema, mit dem alleinerziehende Eltern im Alltag konfrontiert sind. Die Referenten stehen für Rückfragen zur Verfügung, und im Anschluss kann sich untereinander ausgetauscht werden. So soll der soziale Aspekt des bisherigen Treffs beibehalten werden, aber der Fokus auf fachlich fundierter Information liegen. „Die Hoffnung ist, dass durch das neue Konzept die Altersgruppen der Teilnehmer wieder etwas durchmischter werden und es vielleicht auch das Interesse von alleinerziehenden Vätern weckt“, sagt Krause. Denn bisher haben sich in all den Jahren gerade einmal fünf Männer bei dem Treffpunkt blicken lassen. Im Abstand von zirka sechs Wochen findet das Treffen sonntags ab 15 Uhr im Ernestine-Melzer-Haus in Feucht statt. Um die Planungen zu erleichtern, wird gebeten, sich im Vorhinein per E-Mail anzumelden. Der Eintritt ist frei, über Spenden für Kaffee und Kaltgetränke während der Treffen freut sich die Organisatorin jedoch sehr. Damit die Eltern sich gedanklich ganz auf den Vortrag einlassen können, wird gleichzeitig eine Kinderbetreuung durch Fachpersonal angeboten. „Welche Absicherungen habe, beziehungsweise brauche ich überhaupt? Und welche Rechte habe ich bei dem neuen Wechselmodell?“ Fragen wie diese sollen bei den Treffen beantwortet werden. Aber auch mit der Idee einer Art Weihnachtsandacht für Alleinerziehende will Krause die Zielgruppe unterstützen. „In der Weihnachtszeit in die Kirche zu gehen, und dort all die klassischen, glücklichen Familien mit Mutter, Vater und Kindern zu sehen, ist wie das eigene, irgendwie defizitäre Leben unter die Nase gerieben zu bekommen. Meine Idee ist es, eine Art Scherbenandacht zu veranstalten, bei denen sich alleinstehende Eltern mit ihren Kindern wohler fühlen“, stellt sich Krause vor. Trägerschaft über den Treffpunkt für Alleinerziehende im Nürnberger Land übernimmt das Diakonische Werk Altdorf–Hersbruck–Neumarkt. Den Anfang des neuen Projekts macht Rechtsanwalt Dr. Marc Mitzel, der am 29. September zum Thema Wechselmodell, bei dem Kinder nach der Trennung ihrer Eltern in regelmäßigem Abstand zwischen den Haushalten hin und her wechseln, referieren wird. Ein Vergleich der alleinerziehenden Elternteile zeigt, dass die Zahl der Mütter dabei deutlich höher ist, als die der Väter. Aber nicht nur das ist der Grund, dass in der Vergangenheit fast ausschließlich Teilnehmerinnen die Treffen bestimmt haben. „Ein alleinerziehender Mann hat einfach eine andere Wirkung auf die Gesellschaft als eine Frau. Es ist ungewöhnlicher. Dadurch erfahren sie häufig eine andere Unterstützung in ihrer Umwelt, bekommen mehr Hilfestellungen von Eltern, Nachbarn oder dem Kindergarten. Ich glaube, deshalb hat Männer der Treffpunkt für Alleinerziehende bisher auch nicht so richtig angesprochen“, meint Krause. Mit dem Tapetenwechsel hofft sie, dass sich das ändert. Unterstützung fehlt In Bayern leben derzeit etwa 200 000 Alleinerziehende. Kerstin Schreyer, Bayerns Staatsministerin für Familie, Arbeit und Soziales, will für sie bessere Rahmenbedingungen schaffen: „Ich will Ein-Eltern-Familien finanziell stärken, ihnen den Zugang zum Arbeitsmarkt erleichtern, sie bei der Kinderbetreuung entlasten und mit Beratungsangeboten zur Seite stehen.“ Unterstützung in dieser Art vermisst Liane Krause bis jetzt im Landkreis Nürnberger Land. Alleinerziehende würden einfach nicht gesehen, bemängelt die 51-Jährige. „Es fängt schon damit an, dass die Gemeinden nicht einmal wissen, wie viele alleinerziehende Eltern bei ihnen wohnen. Zahlen oder Statistiken gibt es dafür nicht. Wie sollen sie dann wissen, wessen Meinungen und Bedürfnisse sie politisch vertreten müssen?! Das klingt vielleicht hart, aber in gewisser Weise verschließen sie einfach die Augen vor den Problemen ihrer Bürger“, beschwert sich Krause. Sie hofft, dass sie mit dem neuen Konzept des Treffpunkts auf die Gesellschaftsgruppe aufmerksam machen und so Einfluss auf die lokale Politik nehmen kann.

(Der Bote, 17.08.2019)

Meldung vom: 17.08.2019