Wenn Sucht in den Tod führt
 


Aktuelles aus dem Diakonischen Werk

Wenn Sucht in den Tod führt

Der Sohn war Schülersprecher am Gymnasium, brach dann die Schule ab, geriet auf die schiefe Bahn und starb in einem Container in der Goldschmidtstraße in Neumarkt. Sein Vater will andere Menschen sensibilisieren.

Als der Vater seinen Sohn in der Jugend das erste Mal zuhause im Zimmer mit Haschisch erwischte, sagte er: „Hör auf mit dem Dreck.“ Damals wusste er noch nicht, dass das erst der Anfang war. Irgendwann hatte er den Satz unzählige Male wiederholt – allerdings vergeblich. Im Februar dieses Jahres starb der drogensüchtige Sohn in der Goldschmidtstraße in Neumarkt in einer Obdachlosen- Unterkunft. Wir fragen nach, wie es dem Vater heute geht und sprechen mit einem Sozialpädagogen, wie man eine Sucht erkennt. Was können Eltern tun, wenn sie bemerken, dass ihre Kinder von der rechten Bahn abkommen? Diplom-Sozialpädagoge Ralf Frister leitet das Diakonische Werk Altdorf- Hersbruck-Neumarkt und kennt viele solcher Fälle. „Experimentieren ist ein häufig zu beobachtendes Phänomen in der Jugend“, sagt er und fügt hinzu: „Aus erzieherischer Sicht muss ich als Mama oder Papa reagieren, wenn ich feststelle, dass ich mit der Erziehung meiner Kinder nicht mehr klarkomme.“ Erst dieses Eingeständnis ermöglicht den nächsten Schritt: Und dieser wiederum kann dann zu einer der Beratungsstellen vor Ort führen, wie etwa zu Ralf Frister und seinen Kollegen von der Diakonie, die auch in Neumarkt eine Niederlassung hat.

Wann Verhalten zur Sucht wird
Wer sein Kind einmal mit Alkohol oder Cannabis erwischt, muss noch nicht gleich von einer Sucht sprechen. Frister hat sich mit dem Thema viele Jahre beschäftigt, der Experte kritisiert den Umgang mit dem Begriff in der Öffentlichkeit: „Jedes exzessive Verhalten wird alltagssprachlich oft mit Sucht umschrieben.“ Er weist darauf hin, dass man mehrere Kriterien prüfen müsse. „Show me your data“, ist sein Motto. In der internationalen Klassifikation der Krankheiten ICD-10 sind die Kriterien für eine stoffgebundene Abhängigkeit aufgeführt, das heißt: Beispielsweise müssen drei von sechs Kriterien innerhalb von zwölf Monaten nachgewiesen werden. „Wenn das nicht der Fall ist, darf ich nicht von einer Sucht sprechen“, erklärt der Diplom- Sozialpädagoge. Frister ist vor allem eins wichtig, allen Betroffenen und allen Eltern mitzugeben: „Eine Suchterkrankung ist keine Erkrankung des Willens.“ Die Entstehung einer Sucht liege nie in der Person allein begründet. „Es gibt eine Verletzlichkeit und eine Verwundbarkeit. Dazu zählt die Umwelt“, sagt der Sozialpädagoge. Er bezieht sich auf die Trias von Mensch–Umwelt–Droge, ein psychosoziales Erklärungsmodell. Wichtig sei das Eingeständnis des Betroffenen: „Ich habe da ein Problem. Ich hole mir diesbezüglich Hilfe und das möglichst bald.“ Eltern rät er: „Ich muss mich für mein Kind interessieren, was mein Kind tut. Ich muss verstehen, was mein Kind tut.“ Schließlich seien die Eltern für die Erziehung der Kinder zuständig. Eine Suchterkrankung passiere nicht von einem Tag auf den anderen. Was häufig vergessen werde, und worauf Frister aufmerksam macht: Nicht nur junge Leute können betroffen sein. Etwa 400000 der über 60-Jährigen in Deutschland sind von einer Alkoholabhängigkeit betroffen, teilte die Diakonie jüngst in einer Pressemitteilung mit. Doch der Missbrauch von Suchtmitteln sei bei ihnen schwerer zu erkennen, da zum Beispiel Unsicherheiten im Gang oder sprachliche Aussetzer schnell aufs Alter geschoben würden. Harald Moser (Name von der Redaktion geändert), der seinen Sohn möglicherweise wegen der Folgen der Drogen verloren hat, blickt zurück auf das anfänglich ganz normale Leben eines seiner Kinder: „Mein Sohn war Schulsprecher am Gymnasium, er war eigentlich ganz intelligent. Er hatte lauter Einser“, erzählt er. Doch mit 17 Jahren etwa habe der Sohn die Schule abgebrochen. „Er wollte einfach gar nichts mehr machen“, sagt der Vater. Also habe er versucht, ihn in sein eigenes Geschäft einzubinden. Doch Harald Moser sei aufgefallen, dass er immer zu viel getrunken habe. „Dann hab ich ihm eine Wohnung eingerichtet“, schilderte er seinen Versuch, etwas zu verändern. Doch der Sohn habe nicht aufgeräumt, habe schlichtweg nichts gemacht. Das sei immer schlimmer geworden. Harald Moser, dessen Ehefrau bereits verstorben ist, habe ihn vorübergehend wieder zu sich ins Haus geholt, mit der Hoffnung, dass sich alles zum Guten wendet. Letzte Anlaufstelle sei für den Sohndie Unterkunft für Obdachlose in der Goldschmidtstraße gewesen – dort starb er im Februar 2018. (Wir berichteten.) Der Vater wandte sich ans Neumarkter Tagblatt, um andere Eltern zu sensibilisieren und betroffene Angehörige der Obdachlosen-Unterkunft in der Goldschmidtstraße aufmerksam zu machen. „Es ist immer noch ein Schlag“, sagt der Mann auf Nachfrage vor ein paar Tagen. Er fühle sich allein gelassen von der Polizei, zumal er nach eigenen Angaben eine Anzeige wegen unterlassener Hilfeleistung und Diebstahl gestellt habe. Er glaubt, dass sein Sohn bei schnellerem Eingreifen vielleicht gerettet hättewerden können. Die Polizei allerdings hält sich bedeckt. Eine aktuelle Nachfrage ergab: „In Rücksprache mit dem zuständigen Fachkommissariat können derzeit keine Auskünfte zu dem Fall gegeben werden. Die Ermittlungen sind noch nicht vollständig abgeschlossen“, heißt es von Seiten des Polizeipräsidiums Oberpfalz. Auch Harald Moser wartet darauf, von der Kriminalpolizei etwas zu hören. Er wolle die Öffentlichkeit auf diesen Fall aufmerksam machen, um Menschen zu sensibilisieren, dass die Sucht einganzes Leben zerstören kann. Sein Sohn habe nicht nur einen Entzug gemacht – und das „in den besten Häusern“, sagt der heute über 70-Jährige, der auch immer wieder dieses eine Versprechen des Sohnes gehört habe: „Ich nehme keine Drogen mehr.“

(NMT, 18.10.2019)

Meldung vom: 18.10.2019