Wenn die Pflege überhand nimmt
 


Aktuelles aus dem Diakonischen Werk

Wenn die Pflege überhand nimmt

Alltagsbegleiter der Diakonie betreuen Pflegebedürftige und entlasten Angehörige – Neuer Kurs ab Oktober Sie gehen spazieren, spielen Karten oder trinken Kaffee – und machen damit pflegebedürftigen Personen eine große Freude. Gleichzeitig sorgen sie für ein wenig Entlastung bei den Angehörigen: die Alltagsbegleiter der Diakonie. Im Herbst beginnt ein neuer Kurs in Hersbruck.

Seit rund fünf Jahren gibt es die Alltagsbegleiter bei der Diakonie Nürnberger Land. 15 Leute engagieren sich mittlerweile in dem Bereich. Sie wollen da helfen, wo Angehörige oft an ihre Grenzen stoßen: Wenn der Alltag fast nur noch aus Pflege besteht und kaummehr Zeit für eigene Bedürfnisse ist. Oft sind das nur zwei Stunden in der Woche –mehr ist aus steuerrechtlichen Gründen meist nicht drin. Aber diese Zeit werde von beiden Seiten sehr wertgeschätzt, erzählt Ilka Kolb von der Fachstelle für pflegende Angehörige. Erfüllende Aufgabe Alexander Goltz kann das bestätigen. „Erfüllend“ sei die Arbeit mit den Pflegebedürftigen, die meistens zwischen 70 und 90 Jahren alt und häufig demenzerkrankt sind. Egal, ob der Senior noch fit genug für einen Spaziergang ist oder sich einfach nur unterhalten möchte: Die „Dankbarkeit und Freude“, die man zurückbekommt, sei „bereichernd“, so Goltz. Er ist seit Dezember 2018 im Einsatz für die Diakonie und kann die Ausbildung zum Alltagsbegleiter nur empfehlen. Als schönen Nebeneffekt bessert sich Goltz seine Rente etwas auf. DieAufwandsentschädigung von 14,50 Euro pro Stunde müssen die Angehörigen bezahlen. „Was viele aber nichtwissen: Eskannüberden Entlastungsbeitrag abgerechnet werden, der ab Pflegegrad 1 greift“, erklärt Ilka Kolb. Auch Peter Stengl erzählt, dass er bisher nur positive Erfahrungen mit „seinen“ Seniorengemachthat. Er ist seit Anfang an bei den Alltagsbegleitern. Dabei schenkt er nicht nur Zeit, er bekommt neben Dankbarkeit auch ganz praktische Dinge zurück: „Einer hat mir beigebracht, wie man ‘Sechsundsechzig‘ spielt.“ Die meisten Pflegebedürftigen kannte Stengl vorher schon, weil siezumBeispiel aus demOrt waren. „Darauf achten wir auch: Dass der Alltagsbegleiter wohnortnah arbeiten kann“, sagt Ilka Kolb. Um alle Gemeinden im Landkreis abdecken zu können, werden weitere Ehrenamtliche gesucht. Am 9. Oktober beginnt ein neuer Ausbildungskurs, der 40 Unterrichtseinheiten umfasst und an acht Terminen in Hersbruck stattfindet. Die Teilnehmer lernen alterstypische Krankheitsbilder – vor allem im Bereich der Demenz – kennen, bekommen Möglichkeiten zur gezielten Betreuung und Beschäftigung vermittelt und – neu seit diesem Jahr – lernen, wie sie den Pflegebedürftigen im Haushalt unterstützen können. Damitist zum Beispiel gemeinsames Kochen oder Abspülen gemeint. „Wichtig ist jedoch: Wir übernehmen keine pflegerischen Tätigkeiten“, betont Kolb. Nicht selten kämen Angehörige auf die Alltagsbegleiter zu mit dem Wunsch, ob er oder sie den Senior zum Beispiel auch duschen könnte. „Hier muss man wissen, wo die Grenzen liegen“, weiß Kolb. Deshalb sei es gut, eine Fachkraft im Hintergrund zu haben, an die sich die Begleiter wenden können, wenn sie selbst nicht weiter wissen. Chemie soll passen Um herauszufinden, ob die Chemie zwischen Senior und Begleiter passt, führt Kolb mit ihnen und den Angehörigen ein Erstgespräch. Auch könne ein Begleiter jederzeit „Nein“ sagen, wenn ihm die Betreuung keinen Spaß mehr macht. Denn die Arbeit, besonders mit Demenzkranken, sei nie kalkulierbar, erzählt auch Lilo Oertel. „Man muss auf den Menschen eingehen, erkennen, wie er heute drauf ist“, erklärt sie. Deshalb ist neben zeitlicher Flexibilität eine gewisse „Lebenserfahrung“ wichtig, wenn man Alltagsbegleiter werden möchte, sagt Kolb. Viele sind deshalb selbst bereits im Ruhestand. Bei aller Freude am Ehrenamt sei es aber auch anstrengend. Und auch, wenn zwei Stunden in der Woche nicht viel erscheinen, „ist es meist genug“, geben die drei Alltagsbetreuer zu. „Da wird einem bewusst, was die Angehörigen täglich leisten“, sagt Oertel. Trotzdem hat auch sie viel Freude an dem Ehrenamt. „Du merkst, du machst etwas Sinnvolles, wenn sich die Pflegebedürftigen freuen, dich wieder zu sehen“, erzählt sie. Das sei auch ein großer Punkt, sagt Kolb: Dass ein Alltagsbegleiter immer dieselbe Person betreut. „Wenn derjenige mal ausfällt, gibt es keinen Ersatz. Die persönliche Beziehung ist sehr wichtig.“ Und: Die Diakonie ist zwar Träger, die Fachstelle aber komplett unabhängig. „Es wird kein diakonischer Gedanke mit reingetragen“, so Kolb.

Wer sich für den Kurs interessiert, kann sich bis 12. September unter angehoerigenberatung@diakonie- ahn.de oder Telefon 09151/862881 anmelden.

Meldung vom: 09.08.2019