„Musik ist lebensrelevant“
 


Aktuelles aus dem Diakonischen Werk

„Musik ist lebensrelevant“

Warum für Saxofonist Klaus Reichensteiner ein kurzer Auftritt im Garten des Martin-Schalling-Hauses das Konzert seines Lebens war.

Saxofonist Klaus Rauchensteiner ist Musiklehrer und spielt seit Jahrzehnten in verschiedenen Orchestern und Bands. Seinen wichtigsten und schönsten Auftritt hatte er vor wenigen Tagen: Im Garten des Martin- Schalling-Hauses spielte der 60-Jährige Evergreens für die Bewohner, die wegen der Corona-Krise seit Wochen keinen Besuch mehr empfangen durften.

Herr Rauchensteiner, wie sind Sie auf die Idee gekommen?

Inspiriert hat mich Pfarrer Martin Herrmann, der am Ostersonntag im Garten des Martin-Schalling-Hauses einige Choräle gespielt hat. Als ich davon erfuhr, dachte ich spontan, man könnte den Menschen dort Lieder aus ihrer Jugend vorspielen, alte Schlager aus der Zeit, als sie jung waren. Ich habe mir vorgestellt, wie es ist, wenn man einsam im Heim ist – und dann hört man Melodien, die einem gut tun. Nach einer kurzen Absprache mit der Heimleitung haben wir diese Idee dann umgesetzt.

Wie muss man sich das vorstellen?

Die Betreuer sind mit etwa 35 Bewohnern in den Garten gekommen, einige von ihnen im Rollstuhl. Ich selbst stand im Garten und habe zehn Lieder gespielt, ohne Pause, wie ein Medley. Es waren Lieder, die ich selber gerne mag, auch wenn sie lange vor meiner Zeit aktuell waren. Etwa „Wenn der weiße Flieder wieder blüht“, „Für mich soll´s rote Rosen regnen“, „In the Mood“ und „Du bist nicht allein/ Ich denk an Dich“. Anschließend erfüllte ich Wünsche, den Schneewalzer etwa. Eine Frau hatte Geburtstag und dann habe ich noch „Happy Birthday“ erklingen lassen, bei dem alle mitgesungen haben. Am Ende haben sich dann einige Bewohner die Tränen aus ihren Augen gewischt.

Der Auftritt war also etwas Besonderes...

Auf jeden Fall. Die Musik hat ihren Weg über den erzwungenen Abstand hinweg gefunden und die Menschen erreicht. Ein Musikstück kann ja unglaublich viel auslösen. Auch mir selbst ging es danach so gut. Als Musiker bin ich vielleicht nicht systemrelevant, aber in diesem Moment war meine Musik lebensrelevant. Es war der wichtigste Auftritt in meinem Leben. Etwas Schöneres geht gar nicht.

INTERVIEW: HAUKE HÖPCKE

(NN, 13.05.2020)

Meldung vom: 13.05.2020