„Angst ist eine gesunde Reaktion“
 


Aktuelles aus dem Diakonischen Werk

„Angst ist eine gesunde Reaktion“

Erziehungs- und Jugendberaterin Ulrike Frings über die Folgen des Lockdowns für Kinder.

Die Diakonie-Beratungsstelle bereitet den Normalbetrieb vor. Läden öff nen wieder, Friseure gehen ihrem Handwerk nach und die Schüler in Abschlussklassen dürfen wieder zur Schule. Kitas öff nen wegen des Coronavirus jedoch nur schrittweise. Die Kinder dürfen sich dazu nur mit einem weiteren haushaltsfremden Kind zum Sport oder Spielen treffen. Wie die Jüngsten mit der Isolation zurechtkommen, erklärt Ulrike Frings, die Leiterin der Erziehungs- und Jugendberatungsstelle der Diakonie Nürnberger Land, im Interview.

Frau Frings, was macht ein Lockdown mit der Psyche von Kindern?

Das kann man pauschal nicht sagen. In Corona-Zeiten beraten wir telefonisch, seit vergangener Woche gehen wir auch oft mit unseren Klienten unter Wahrung des vorgeschriebenen Abstandes spazieren, wenn eine telefonische Beratung der Fragestellung nicht angemessen ist. Was wir mitbekommen, ist, dass die Umgehensweise mit dem Virus und der daraus entstandenen Situation ganz unterschiedlich ist. Es gibt Kinder und Jugendliche, für die das hochbelastend ist, aber auch Rückmeldungen von Leuten, in denen es heißt: „Ich traue mich kaum, es zu sagen, aber wir haben gerade viel mehr Zeit für uns. Wir melden uns wieder, wenn es uns schlechter geht.“ Das heißt aber noch nicht, dass jemand, dem es heute gut geht, nicht vielleicht eine Woche später einen Koller bekommt, weil er eingesperrt ist.

Welche Altersgruppe leidet am meisten darunter?

Am schwersten tun sich meiner Meinung nach die Jugendlichen im Alter von zwölf Jahren und aufwärts, weil sie von sich aus ein größeres Freiheitsstreben haben und ihre Freunde nicht mehr treff en können, aber alles tun, damit sie sie trotzdem treff en können. Also die, für die Revolution und Aufb egehren zur aktuellen Entwicklungsstufe gehört. Dazu gehören etwa die Jugendlichen, die Corona-Partys gefeiert haben. Für die ganz Kleinen und Säuglinge ist es am wenigsten schwer: Sie sind in ihrer Kernfamilie und vermissen aktiv noch nicht die anderen.

Kindergarten- und Schulkinder kehren erst sehr langsam in die Einrichtungen zurück. Was fehlt ihnen am meisten?

Für sie hat sich viel geändert. Sie sind in Isolation und sehen kaum noch andere Kinder, vermissen sie. Für Einzelkinder ist es noch einmal schlimmer, wobei sich auch Geschwisterkinder manchmal so wenig vertragen können, dass es eine Zumutung ist. Es hängt auch sehr davon ab, wie die Eltern die Krise aufnehmen. Wenn Eltern darunter leiden, wenn es etwa um kritische Situationen wie Kurzarbeit, Arbeitslosigkeit oder Homeoffice geht, oder sie unter Druck stehen, bekommen die Kinder das mit. Dann versuchen Kinder, auf sich aufmerksam zu machen, und das nicht immer auf die beste Art. Je kleiner die Kinder sind, umso schwieriger wird es. Auch persönliche Schwierigkeiten und Paarprobleme verschärfen die familiäre Situation massiv, damit auch das Familienklima und die Reaktionen der Kinder...

... die dann auch noch zu Hause unterrichtet werden sollen.

Viele Eltern sind auch überfordert vom Homeschooling, gerade wenn Schule schon vorher ein umkämpftes Gebiet war. Wenn Kinder vorher schon bei den Hausaufgaben gekämpft haben, wird es noch viel schwieriger, wenn Eltern das Homeschooling übernehmen müssen. Es hängt dann auch davon ab, wie genau die Eltern das nehmen, ob sie es möglichst gründlich erledigen wollen oder auch Abstriche machen. Und davon, ob von der Schule genug Hilfestellung da ist. Erschwerend kommt hinzu, wenn das technische Equipment fehlt, das Know-how dafür oder die Eltern nicht gut Deutsch sprechen.

Kommen auch Leute zu Ihnen, die nicht in Behandlung waren?

Ja, denn es ist eine Wahnsinnsherausforderung. Es ist eine Situation, die wir noch nie gehabt haben, vielleicht waren wir einmal drei, vier Wochen zu Hause bei Krankheit, ohne hinausgehen zu dürfen. Und dann auch nur ein Teil der Familie. Da melden sich etliche neue Leute. Allerdings sagen wir nicht Behandlung, sondern wir beraten.

Was geht den Kindern konkret verloren, wenn sie wochenlang nur Eltern und Geschwister sehen?

Freunde. Austausch, Abwechslung, Anregung, Kommunikation, Reibungsmöglichkeiten und Vertrauen zu anderen Kindern. Da muss man gucken, wie man das erhalten kann.

Gibt es irgendeine Möglichkeit, das zu ersetzen?

Man sollte versuchen, die Kontakte zu halten, übers Telefonieren, Videotelefonie oder Medien. Oder auch mit kleineren Kindern Fotos anschauen, Fotos verschicken, austauschen, manchmal begegnet man sich auch beim Einkaufen. Wichtig ist, dass man mit den Kindern darüber spricht und sagt: „Du wirst sie (Freunde; Anm. d. Red.) wieder treff en.“ Das gilt es wachzuhalten.

Wie könnten die Langzeitfolgen von einem Lagerkoller aussehen?

Wir wissen nichts über die Langzeitfolgen. Wir sind jetzt bei sieben Wochen Lockdown. Bei einem langen Urlaub sind die Leute auch einmal vier oder sechs Wochen weg und auf sich gestellt. Außerdem haben wir durch die Medien mehr Möglichkeiten zum Kontakt als die Generationen vor uns. Wenn es schwierig wird, etwa bei Alleinerziehenden, gibt es auch die Möglichkeit, eine Notbetreuung an Schulen und Kitas in Anspruch zu nehmen. Aber selbst wenn ein Kind jeden Tag mit dem besten Freund videochatten kann, geht trotzdem der physische Kontakt verloren. Das kann doch Telefonie nicht ersetzen. Man muss mit den Kindern sprechen. Man muss den Kindern erklären, was passiert. Für sie ist es schon entlastend, dass es nicht nur ihnen so geht. Sie sind kein Einzelfall.

Nehmen Kinder das überhaupt wahr, dass sie nicht alleine sind?

Kinder sind ja nicht dumm. Man kann ihnen das schon erklären. Es gibt ja auch kindgerechtes Infomaterial, etwa von der Stadt Wien, die das Coronavirus und die Folgen für die Kinder erklären.

Wie erkläre ich den Kindern am besten, was passiert?

Es ist eine Situation, die wir nicht ändern können. Wichtig ist es, zu versuchen, etwas Gutes aus der Situation zu machen und Angebote zu setzen, die Spaß machen und damit ein Stück darüber weghelfen. Eine goldene Regel: die Erwartungen an den Tag und die Familienmitglieder nicht so hoch setzen, sondern der Schwierigkeit der Lage damit Tribut zollen. Man kann zum Beispiel miteinander kochen, backen, was man eben an Möglichkeiten zu Hause hat. Man kann auch zusammen in den Wald gehen oder auf einer Wiese oder im eigenen Garten Fußball spielen, daran hindert einen ja auch keiner. So schwer manches auch ist, kann man es auch umdeuten und sagen: „Es ist das erste und wahrscheinlich für lange Zeit auch das letzte Mal, dass wir so viel Zeit zusammen haben.“ Allerdings fällt Alleinerziehenden und Menschen mit kleineren Wohnungen dann die Decke auf den Kopf. Es ist sicher schwieriger, wenn ich eine kleine Wohnung habe. Oder wenn ich mit zwei oder drei Kindern vor einem Baumarkt stehe und da heißt es „Nur zwei Personen gleichzeitig“. Auch wenn ich nur eine kleine Wohnung habe und arbeiten gehe, bin ich höher belastet. Andererseits gibt es auch Leute mit Haus und Garten, die trotzdem viel verletzlicher auf die Situationreagieren. Pauschal kann man das nicht sagen. Aber diejenigen, die belasteter sind, tun sich schwer. Und wenn sich die Eltern schwertun, tun die Kinder das auch.

Was ist, wenn ein Elternteil nicht im selben Hausstand wohnt? Bleibt der Kontakt zum Kind dann nicht völlig auf der Strecke?

Vom Gesetzgeber ist vorgegeben, dass Eltern und Kinder sich sehen. Manchmal ist es aber trotzdem schwierig. Da ist es wichtig, den Kontakt aufrechtzuerhalten. Zum einen die normale Umgangsregelung beizubehalten und wenn Termine aus triftigen Gründen nicht einzuhalten sind, sie in Absprache nachzuholen. Aber auf jeden Fall muss man den Kontakt aufrechterhalten, denn sonst tut man Kindern richtig weh. Dabei unterstützt auch gerne die Erziehungs- und Jugendberatungsstelle.

Wovor haben Kinder in Corona-Zeiten am meisten Angst?

Die Angst vor Krankheit und Alleinsein wird befeuert. Aber hier gilt auch: Angst ist eigentlich etwas ganz Gesundes. Viele Menschen haben Angst, krank zu werden, und da ist es wichtig, dies den Kindern kindgerecht zu erklären und ihre Angst ernst zu nehmen. Angst ist ja nichts Krankes, sondern eine gesunde Reaktion auf eine Bedrohung. Wenn man mit den Kindern darüber spricht, dann vor allem auch darüber, wie man das Virus in Schach hält. Also erklären, wie man Hände richtig wäscht, in den Ellbogen husten oder auch, dass man den Opa und die Oma nicht sehen kann, weil diese die Krankheit viel leichter bekommen können. Man muss den Kindern zeigen, dass sie selbst etwas dazu beitragen können, dass sie möglichst nicht krank werden.

Wie bespricht man es mit dem Kind, wenn eine Befürchtung wahr wird und jemand aus dem eigenen Umfeld an Covid-19 erkrankt?

Ehrlich, kindgerecht, in einer guten Atmosphäre, möglichst wenig Angst schürend. Man muss das Kind mitnehmen, aber nicht überfordern. Man sollte nicht versuchen, Erwachsenenängste auf das Kind zu übertragen, sondern versuchen, die Ängste des Kindes wahrzunehmen. Und trösten.

Und wenn ich selbst Angst habe und das Kind es mitbekommt?

Für mich ist immer ganz wichtig, nicht zu lügen. Kinder haben ganz feine Antennen und bekommen sehr wohl mit, was los ist. Etwa wenn Eltern sich streiten, jemand krank wird oder in finanzielle Not gerät. Aber die Erklärung muss dann kindgerecht sein und so, dass man das Kind nicht in die Panik treibt. Medizinische Fachausdrücke sollte man weglassen, Kinderbücher zu Rate ziehen und dem Kind vermitteln: „Es wird schwer, aber das kriegen wir hin.“

Was hilft durch die Krise?

Wenn man sich eine klare Struktur für den Tag gibt und sich vornimmt, sich und den Seinen einmal am Tag was Schönes zu tun. Und damit ist etwas Kleines gemeint. Zum Beispiel haben die Eisdielen wieder geöff net. Auch die Aussicht auf ein bisschen mehr Normalität kann helfen.

()PZ, 11.05.2020)

Meldung vom: 11.05.2020