Aus dem Diakonischen Werk

Gewalt im Namen einer Ideologie

Caritas und Diakonie veranstalten Fachtag zum Thema rituelle Gewalt – Auszeithaus im Allgäu bietet Schutz

In den vergangenen Jahren stellen MitarbeiterpsychosozialerDienstebei ihrenKlientinnenimmeröfter fest, dass diese rituelle Gewalt erlitten haben. Deshalb haben Caritas und Diakonie im Nürnberger Land einen Fachtag zum Thema rituelle Gewalt veranstaltet. Brigitte Hahn ist Sektenbeauftragte des Bistums Münster und beschäftigt sich seit fast 20 Jahren mit rituellerGewalt. Sie berät Aussteigerinnen, verfügt über unzähligeAugenzeugenberichteundwar die Referentin des Fachtages. Unter ritueller Gewalt versteht man planmäßige sowie systematisch ausgeführte körperliche und psychische Gewalt bis zu Tötungen im Kontext einer Ideologie oder Weltanschauung. Doch selten wird sie angezeigt und strafrechtlich verfolgt. Um die Schwierigkeiten bei der Strafverfolgung zu verstehen, muss die Logik gewalttätiger Systeme erklärt werden: „Ein zentraler Aspekt ist die absolute Geheimhaltung, die von Mitgliedern gefordert wird“, erklärte die Referentin. „Solche Systeme agieren außerhalb des Blickfeldes staatlicher Institutionen.“ Hahn schilderte, dass die Mitglieder unter permanenter Kontrolle stehen und ein Verrat schwer bestraft wird. Darüber hinaus sind sie durch die massive Gewalt traumatisiert und leiden oft unter Dissoziationen, wodurch Erinnerungen manchmal auftauchen und manchmal nicht. Dadurch können so geschädigte Menschen polizeilichen Vernehmungen nur schwer standhalten. Die Gruppierungen, die Gewalt mit ihrer Ideologie rechtfertigen, sind nach Einschätzung der Referentin demokratiegefährdend und verfassungsfeindlich. Sie mahnt: „DiePolitik undwir als Gesellschaft müssen uns mit diesen gefährlichen Gruppen auseinandersetzen.“ Im Kontext der Missbrauchsskandale sind auch die „Unabhängigen Beauftragten für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs“, Christine Bergmann und Johannes- Wilhelm Rörig, mit Opfern ritueller Gewalt in Kontakt gekommen. Beide sehen dringenden Handlungsbedarf. Über diese Stelle wird ab Mai 2019 für Aussteigerinnen das Hilfetelefon „Berta“ eingerichtet. Ein vom Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend gegründeter Fachkreis fordert Schutz und Hilfeeinrichtungen, die Fortbildung von Strafverfolgungsbehörden, rechtliche Unterstützung der Betroffenen und die Sensibilisierung der Öffentlichkeit. „Woran erkennen wir misshandelte Kinder und Erwachsene?“, „Wo ist die Brücke zu kriminellen Organisationen?“, lauteten die Fragen der Fachtagsteilnehmer. Brigitte Hahn zeigte Lösungsansätze für helfende Berufsgruppen: „Den Augenzeugenberichten Glauben zu schenken und ein gut informiertes Helfersystemmit umfassender Unterstützung der Mitarbeiter sind eine wichtige Voraussetzung für gelingende Ausstiegsbegleitung.“ Es wurde deutlich, dass nur das Hinsehen hilft. Um eigene Kinder zu schützen, sollten Zeichen von vehementem Widerstand oder deutliche Verhaltensänderungen ernst genommen werden.